Nachhaltig saniert! Sozialer Wohnbau mit nur 22 kWh/m²a

Von zwei wegweisenden thermischen Sanierungen und den Gedanken, die einem über die Architektur von morgen durch den Kopf gehen, wenn vielerorts verstärkt auf Neubau gesetzt wird. Ein Fragen und Hinterfragen mit Architekt Manuel Benedikter.

Nahaufnahme der Fassade mit den FX.12 Fassadenpaneelen in P.10 Anthrazit von unten mit Blick Richtung Himmel.

Was ist Architektur?

Architektur ist Fragen stellen, die richtigen Antworten finden, entscheiden.

Manuel Benedikter

Keine halben Sachen

„Die Idee ist eigentlich immer der Chef.“ Manuel Benedikters sympathische Ansage trägt bereits den wichtigsten Leitgedanken seines Büros in sich: Die beste Idee gibt den Ton an und sollte schlussendlich ausgeführt werden. Das war auch bei den beiden energetischen Sanierungen in Bozen und Gais nicht anders. Im Wettbewerb überzeugte ein großes Planungsteam bestehend aus SMA (Turin), ARCH+MORE (Linz), Alberto Sasso (Turin), Giuseppe Glionna (Turin), EQ ingegneria (Cuneo), Studio tecnico Vettori (Bozen) und dem Büro arch. Manuel Benedikter mit einem bemerkenswerten Ansatz: Ein heruntergekommener sozialer Wohnbau in Bozen, Baujahr 1985, sollte im Rahmen des Sinfonia Projekts ressourcenschonend erneuert werden – mit einer vorgefertigten, hinterlüfteten PREFA Fassade und einem ausgeklügelten Energiekonzept. Auch die 1979 erbauten Duplex-Gebäude in der Gemeinde Gais wollte der Architekt bestmöglich energetisch auffrischen, hier herrschten jedoch andere Bedingungen.

Vorher – Nachher: Bozen

Die Außenwände der ursprünglichen Gebäudehülle bestanden aus einer doppelwandigen Langlochziegel-Konstruktion mit einer 4 cm dicken Kerndämmung. Die Decke zum Untergeschoss verfügte über keine Wärmedämmung, die Unterseite der Decke des ersten Stocks in den beiden Gebäuden war ebenso wenig isoliert. Zu den Wohnungen hin mit 8 cm dicken Lochziegeln isoliert, bestanden die Wände der Treppenhäuser aus Stahlbeton, während die Außenseite der Stahlbetonkonstruktionen mit Holzwolle-Leichtbauplatten mit einer variablen Dicke von 0 bis 6 cm isoliert war.

Aufnahme von Teilen zweier Wohnblöcke mit der anthrazitfarbenen PREFA Fassade. Dazwischen befinden sich im Hintergrund bewaldete Berge.

Was folgte war eine Erneuerung anhand von vorgefertigten, hochgedämmten Fertigteil-Holzpaneelen: Auf die bestehende Putz-Fassade wurden diese 2-geschossigen Elemente mit einer 26 cm dicken Glaswolle-Dämmung angebracht. Die Vorfertigung ersparte einige Arbeitsschritte und ermöglichte den Bewohnern, dass sie während den Sanierungsarbeiten fortwährend in ihren Wohnungen bleiben konnten. Benedikter, der bei diesem Projekt als Bauleiter fungierte und mit dem Team auf der Baustelle alles bis ins letzte Detail überwachte, weiß erfahrungsgemäß: „Die Bewohner sollte man immer so früh wie möglich in den Planungsprozess miteinbeziehen!“ – das bewährte sich auch in Bozen.

Leicht schräge Aufnahme dreier Wohnblocks.

Energie bewusst denken – das ist den zahlreichen Beteiligten an diesem Projekt auch mit neuen Fenstern und isolierten Balkonen gelungen, durch welche Wärmebrücken verhindert und somit Heizkosten gespart werden können. „Es war uns möglich, den Heizbedarf von 238 auf 22,5 kWh/m²a zu senken. Und auch die CO2-Emissionen wurden auf 6 kg/m²a verringert“, erklärt der Architekt.  Abgerundet wurden die beiden Bauten mit einer prägnanten Bekleidung aus Aluminium. Die strukturierten, anthrazitfarbenen Aluminiumpaneele FX.12 reduzieren die massive Wirkung der mächtigen Baukörper und verleihen ihnen, so die Beobachtung einiger Bewohner, einen „lebendigen, freundlichen Charakter“.

Nahaufnahme von unten. Frontal: die anthrazitfarbene PREFA Fassade. Rechts: die weiß-grau-rote Fassadenfront.

Nachhaltiges Energiekonzept

Die Startbedingungen beim von der Stadtgemeinde Bozen in Auftrag gegebenen Pilotprojekt seien nicht die einfachsten gewesen: Nur noch 20% der Energie zum Heizen oder Kühlen durften fossil sein. Für die umfangreichen Berechnungen und Planungen bezog sich der Architekt auf die Erfahrung der Experten für Photovoltaik, Geothermie und Solarthermie vor Ort. Unter Berücksichtigung des Budgets entschied man sich für folgende Maßnahmen:

Portrait von Architekt Manuel Benedikter vor dem thermisch sanierten Wohnbau mit der anthrazitfarbenen PREFA Fassade.
  1. Eine 20 kWp Photovoltaikanlage auf einem der Dächer liefert Strom für den allgemeinen Strombedarf und für das kontrollierte mechanische Belüftungssystem.
     
  2. Die 72 Gasetagenheizungen wurden durch eine Zentralheizung bestehend aus 14 geothermischen Sonden und zwei Wärmepumpen ersetzt. Diese Bohrungen bis zu einer Tiefe von 150 Metern wurden trotz eines allgemeinen Verbots in Bozen an dieser hochgelegen Hanglage genehmigt. Um den baulichen Aufwand in den Wohnungen so gering wie möglich zu halten, wurden an den Fassaden entlang der acht Stiegenhäuser Versorgungsschächte errichtet. Von hier aus war es einfacher, die bestehenden Heizungsverteiler der ehemaligen Gasthermen zu erreichen.
     
  3. Vier je 5000 Liter große Wasserspeicher werden durch eine Solaranlage auf der anderen Dachfläche sowie mit dem überschüssigen Strom aus der PV-Anlage beheizt.
     
  4. Im Notfall kann über die vorhandene Gaszuleitung eine kleine Therme als Backup-System für die Warmwasseraufbereitung betrieben werden.

Materialbewusst

Die beiden Sanierungsprojekte verbindet nicht nur ihre Funktion als sozialer Wohnbau, sondern auch das Material Aluminium. In Gais überzeugten neben seiner Wiederverwendbarkeit und Leichtigkeit auch die gestalterischen Möglichkeiten. „Ich habe mich bei beiden Projekten von Anfang an für Aluminium eingesetzt: Es ist leicht, ästhetisch und nachhaltig. Wir haben uns zwar gefragt, welche Alternativen es gibt – Faserzementplatten, vorgefertigte Stahlpaneele, dünnes Stahlblech –, aber uns gefällt einfach, dass wir mit Aluminium mit einer sehr dünnen Schicht einen robusten Wetterschutz gewährleisten können.“

Alt → Neu

Manuel Benedikter weiß: „Eine Sanierung bedeutet auch immer, mit dem Bestand Kompromisse einzugehen.“ Beim Kondominium mit den acht ca. 70 bis 90 m² großen Duplex-Wohnungen in Gais sei der Kompromiss aber gering gewesen und die gestalterische Hand dank des Vertrauens des öffentlichen Bauträgers WOBI recht frei, um „frisch und frech“ zu modernisieren: Die energetische Aufwertung der beiden Reihenhäuser mit Keller- und Erdgeschoss, zwei Obergeschossen und nicht bewohnbaren Dachgeschossen erreichte das Architektenteam mit einem 20 cm starken Wärmedämmverbundsystem aus Steinwolle, neuen Fenstern, Stiegenhaus- sowie Eingangstüren und einer zeitgemäßeren Dacheindeckung. Erstaunt über das resultierende Raumklima, erzählt uns einer der Bewohner: „Eigentlich bin ich dazu verleitet, meine Heizung zu demontieren, da ich sie offensichtlich nicht mehr brauchen werde!“

Mit dem Anspruch, den Sozialbau auch nach außen hin neu zu denken, wählten die Architekten eine Stehfalz-Eindeckung und gestalteten First- und Traufabschlüsse als ein umlaufendes Ortgangband in einem kräftigen Rotton. Das Aluminium-Dachband avanciert hier zum zentralen gestalterischen Element, das Vordächer und Balkonbekleidungen einrahmt und den weißen Verputz intensiver strahlen lässt.

Ansicht vom rechten vorderen Eck des rechten Wohnhauses.

Sozialer Wohnbau Bozen - Details

Land:

Italien

Objekt, Ort:

Mehrfamilienhaus, Bozen

Kategorie:

Sanierung

Architektur:

Manuel Benedikter Architekt

Verarbeiter:

Lamtex S.r.l.

Material:

Fassadenpaneel FX.12

Farbe:

P.10 Anthrazit

Sozialer Wohnbau Gais - Details

Land:

Italien

Objekt, Ort:

Duplex-Gebäude, Gais

Kategorie:

Sanierung

Architektur:

Manuel Benedikter Architekt

Verarbeiter:

Spenglerei Prenn

Material:

Dachplatte

Farbe:

P.10 Oxydrot

Weitere Infos:

  • Interview: Anneliese Heinisch
  • Text: Anneliese Heinisch
  • Fotos: © Croce & Wir

Ist Neubauskepsis angebracht?

Was Manuel Benedikters Büro in Bozen und Gais erreichte, ist eindeutig: eine enorme Steigerung des Wohnkomforts, niedrigere Heizkosten, eine Versorgung mit erneuerbarer Energie und dennoch gleichbleibende Mieten – verpackt in einer zeitgemäßen Architektursprache. Das Team hat sich auf eine Art des Bauens spezialisiert, die den Menschen und seine Bedürfnisse ins Zentrum rückt.

AH: „Wenn wir die beiden Sanierungsprojekte betrachten und auch das immer dringlicher werdende Problem des Leerstands von Wohnungen – das genauso Bozen betrifft –, würden Sie sagen, dass die Zukunft der Architektur darin liegt, dem Neubau-Boom den Rücken zuzukehren und verstärkt existierende Bausubstanz aufzuwerten?“

MB: „Ja, eindeutig, man hat ja eigentlich schon zu viel gebaut. Vom Müll, der auf der Deponie landet, stammen 60% vom Abbruch von Gebäuden. Wenn es der Bestand erlaubt, ist Sanieren die beste Option, für die man sich entscheiden kann. So werden Müll gespart, Ressourcen geschont, CO₂ abgebaut, die Wohnqualität verbessert und ganze Wohnviertel aufgewertet, und das sollte uns als Architekten eher früher als später auch wirklich ein Anliegen sein.“